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Peter Schönlaub
Autor: Peter Schönlaub
peter.schoenlaub@motorrad-magazin.at
4.2.2022

Honda ADV350 im ersten TestDer beste Mittelklasse-Roller?

Die rollende Mittelklasse wird immer breiter und bunter – mit gutem Grund. Hier bekommt man bereits ansprechende Leistungen, immer mehr Hightech, viel Komfort und Funktionalität, während die Preise noch halbwegs überschaubar bleiben. Vor allem im Vergleich mit Maxi-Scootern, die teilweise das Doppelte kosten.

Honda ist mit dem SH350i und dem edlen Forza 350i schon seit vielen Jahren erfolgreich in dieser Mittelklasse präsent (die 350er-Versionen kamen freilich erst 2021). Nun erweitern die Japaner ihr Angebot um ein weiteres Modell: den ADV350. Er nimmt ganz klar stilistische Anleihen am X-ADV, und das nicht zufällig: Der große SUV-Scooter ist ein Erfolgsmodell, von dem Honda seit 2017 stolze 44.000 Stück verkaufen konnte. Im Vorjahr war er das meistverkaufte große Honda-Modell, also erfolgreicher als eine Africa Twin oder CB650R.

Die technische Basis für den neuen ADV350 spendiert der Forza. Der 29-PS-Einzylinder wird völlig unangetastet übernommen, der Stahlrohrrahmen nur minimal modifiziert. Dies geschieht im vorderen Bereich, wo eine neue Gabel zum Einsatz kommt. Im Vergleich zur eher simpleren 33er-Telegabel des Forza setzt der ADV350 auf eine 37er-Upside-down-Gabel von Showa, die in der Konstruktion einer echten Motorradgabel gleicht.

Auch die beiden Federbeine am Heck wurden ausgetauscht, die Showa-Elemente verfügen über Ausgleichsbehälter, sparen sich aber dafür eine Verstellmöglichkeit, wie sie beim Forza zu finden ist. Bei identischen Radgrößen bringen die neuen Felgen in Summe 225 Gramm weniger Gewicht auf die Waage, bezogen sind sie mit speziell für diese Rollergrößen entwickelten Metzeler Karoo Street. Deren etwas gröberes Profil passt natürlich hervorragend zum Offroad-Look des ADV350.

Während die technischen Änderungen – abgesehen von der Gabel – überschaubar bleiben, gibt es doch einige Abweichungen in der Ausstattung.

• Der Windschild ist beim ADV350 manuell verstellbar, was jedoch leicht und praktisch funktioniert. Vier Stufen sind möglich, der Verstellbereich beträgt 133 Millimeter.
• Das Cockpit besteht aus einem kompakten LC-Display, dessen reduzierter, kantiger Look sich natürlich ebenfalls besser zum Design fügt. Auch hier kein Beinbruch: Die Anzeigen sind klar gegliedert, gut ablesbar und über den Joystick am linken Lenkerende sehr gut bedienbar.
• Das Topcase mit grandiosen 50 Liter Fassungsvermögen ist beim ADV350 im Gegensatz zum Forza nicht serienmäßig, sondern kostet 400 Euro (AT) Aufpreis. Für viele aber wahrscheinlich gar nicht notwendig, da der Stauraum unter dem Sattel ohnehin riesig ist (48 Liter) und zwei Vollvisierhelme schluckt.

Identisch sind viele andere Details: Zwei-Kanal-ABS, die zweistufige (und abschaltbare) Traktionskontrolle, die Voll-LED-Lichtanlage, der Smartkey und zahlreiche Connectivity-Funktionen sind bei beiden Modellen serienmäßig.

Bei unserer ersten Ausfahrt – einer großen 170-Kilometer-Runde durch Sizilien – konnte der Honda ADV350 dann auf verschiedenen Geläufen zeigen, wo seine Talente schlummern: in der Stadt, auf kurvigen Überlandstrecken (teilweise auf furchtbarem Asphalt), auf der Autobahn und ein kleines Stück sogar auf der Schotterstraße.

Erstes Resümee: Der ADV350 ist tatsächlich ein Allroundgenie, der die bekannten Talente des Forza um eine verstärkte Prise Sportlichkeit erweitert. Im Gegenzug muss er kleine Einbußen in der Funktionalität vorgeben. Neben dem aufpreispflichtigen Topcase meinen wir damit vor allem den Windschutz, der beim Forza 350 besser ist. Während die kleinere Scheibe des ADV350 den Helmbereich noch gut schützt, lässt seine schlankere Verkleidung im Frontbereich doch viel vom Fahrtwind zum Gebein der Fahrerin/des Fahrers durch.

Die Sportlichkeit erwächst natürlich durch das höhere Potenzial der Gabel, die für ein noch präziseres Einlenken sorgt und für mehr Stabilität in Schräglage – besonders gut bemerkbar, wenn der Asphalt schlechter wird. Auch beim starken Bremsen verhält sich der ADV350 eine Spur gelassener. Trotz straffer Grundabstimmung bleibt aber noch genug Komfort übrig, auch dank der vorne und hinten dezent verlängerten Federwege.

Dass man hier gleich etwas frecher wird, liegt auch am schönen, konifizierten Motorradlenker, der ergonomisch perfekt in den Händen liegt und mit dem man den ADV350 munter um die Kurven wirft. Auch die Körperhaltung ist einwandfrei, man thront ein Alzerl höher im Sattel als im Forza, aber nicht minder bequem. Die langen Trittbretter und der insgesamt sehr voluminöse Sattel (auch für Sozius/Sozia) ermöglichen außerdem eine Variation der Sitzhaltung, falls man einmal länger unterwegs ist.

Sehr angenehm tritt auch hier die jüngste Ausbaustufe von Hondas eSP-Motor auf. Der reibungsoptimierte Bursche ist zwar kein Bodybuilder, bringt aber eine schöne Portion Kraft auf den Asphalt, die über das stufenlose CVT-Getriebe auch gut dosierbar und abrufbar ist. Gleichzeitig punktet der Einzylinder mit eleganter Laufkultur, sonorer Soundkulisse und kaum Vibrationen. Ein WMTC-Verbrauch von 3,4 Liter ermöglicht bei 11,7 Litern im Tank rechnerische Reichweiten von über 340 Kilometern. Bei unserer ersten Ausfahrt mit hohem Vollgasanteil waren es freilich rund vier Liter, immer noch akzeptabel und mit angepasster Fahrweise leicht zu unterbieten.

Sehr schön ließ sich der ADV350 in der Stadt bewegen, mit einer Leichtfüßigkeit, die diesem Hubraumsegment und der Gewichtsklasse (186 Kilo vollgetankt) angemessen ist. Letztlich hinterließ er sogar auf unserer Schotterstrecke einen guten Eindruck; fallweise Ausflüge auf dieses Terrain sind bei trockener Strecke alleweil möglich, allerdings sollte man bei argen Schlaglöchern aufpassen, die Federelemente sind dann doch bald überfordert. Slow and easy, dann geht’s gut.

Unterm Strich: Mit dem Ausbau der Palette macht Honda alles richtig. Der ADV350 ist ein funktioneller, smarter, gut verarbeiteter Mittelklasseroller auf bewährter Basis, der eine zusätzliche Geschmacksrichtung ins Spiel bringt. Mit modernem Design im vorherrschenden Trend zur Abenteuerspezies wird er wohl nicht nur die auf ihren Auftritt so bedachten Südeuropäer verführen – sondern mit den sportlichen Meriten auch all jene, die Funktionalität und Fahrspaß unter ein kantig-schönes Kleid schlichten wollen.

Der Marktstart erfolgt noch im Februar, der Preis für den in drei Farben (Silber, Matt-Anthrazit-Metallic, Matt-Rot-Metallic) erhältlichen ADV350 beträgt 6590 Euro in Österreich und 6499 Euro inklusive Überführungskosten in Deutschland.

 

Die Story mit allen technischen Daten findet Ihr auch in unserer Ausgabe 1/22 (ab 10. Februar 2022). Zum digitalen Magazinlesen oder zur Print-Heftbestellung kommt ihr ganz einfach hier.

                                                        

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